Zum Hauptinhalt Benutzer Login

„Das Digital­geschäft ist für Verlage mission critical” - Interview mit Dr. Ralf Schreiber

Dr. Ralf Schreiber

native:media startete als SpinOut in schweren Branchenzeiten: Woher kommt der Erfolg?

Gerade in letzter Zeit hinterfragen die Verlage wieder Ihre Strategien. Einer der wichtigsten Aspekte ist die Zukunftssicherheit im digitalen Segment. Und im Bereich Online haben sich die am Markt tätigen Verlagssoftware-Boliden nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Das hat einen logischen Grund, denn der Markt für Verlagskomplettlösungen wird immer enger. Den Komplettanbietern stehen also weniger Entwicklungskapazitäten zur Verfügung, und die knapperen Ressourcen müssen sie auf ihre Kernkompetenzen im Print-Bereich konzentrieren. Ansonsten schwächt das die ganze Marke, denn selbst ein mäßiges Online-Produkt geht ja immer auf Kosten der Print-Entwicklung. Die Tendenz geht daher seit einiger Zeit zu Industriestandards und flexiblen Systemen. Das haben wir sehr früh erkannt, uns spezialisiert und unsere Produkte entsprechend für alle Back-Ends konzipiert.

„Einer der wichtigsten Aspekte ist die Zukunfts­sicherheit im digitalen Segment…“

Aber was macht native:media denn anders?

Das Digitalgeschäft ist für Verlage mission critical und somit spielt Flexibilität, Schnelligkeit und Innovationswille eine große Rolle. Einem spezialisierten Online-Unternehmen wird hierbei deutlich mehr zugetraut. Um Online zu „fühlen“ reicht es nicht, einen Kicker-Tisch in die Abteilungen zu stellen. Aus der bestehenden Belegschaft werden so nicht automatisch kreative Nerds. Man muss online dauernd am Ball bleiben, abwegig erscheinende Trends evaluieren, neue Geschäftsmodelle prüfen und kontinuierlich als Team miteinander reden. Letzteres natürlich auch gerne am Kicker. Auf der anderen Seite ist die Print-Branche durchaus recht speziell. Diese Symbiose bilden wir ziemlich genau ab, und das wissen unsere Kunden zu schätzen.

Wäre da ein Online-Unternehmen mit „Verlagsnähe“ nicht die richtige Alternative?

Wir haben uns ganz bewusst weg von einem Verlagshaus oder einer Verlagsgruppe positioniert – nach meiner Erfahrung bremst die Menge der beteiligten Verlage die Innovationskraft proportional aus. Stellvertretend sei die Gruppe von Verlagen genannt, die vor einer Weile unter der Federführung eines Consultant-Teams das Rad neu erfinden wollte. Ziel war es offenbar, ein umfangreiches Portal mit dem Content-Management-System „Drupal“ zu entwickeln. Interessanterweise hatten wir zur Gründung der Gruppe die wahrscheinlich umfangreichsten und stabilsten Drupal-Verlagsportale schon längst im Live-Betrieb.

Gibt es ein konkretes Beispiel für die Innovationskraft von native:media?

Die übliche Praxis ist, einen Verlag für ein gewünschtes Feature zahlen zu lassen und dies den anderen Kunden dann für weiteres Geld anzubieten. Wir aber sehen unsere Kunden weniger als Euter, sondern mehr als Teil einer Community. Dabei entwickeln wir Best-Case-Lösungen für unsere SaaS-Kunden sogar kostenlos, wenn sie als Standard für alle aufgenommen werden können. Diese Features spielen wir dann im Rahmen der laufenden Verträge – wiederum kostenlos – als Updates ein. So sind zum Beispiel Vereinsverzeichnis und Bürger-Reporter bei uns standardmäßig an Bord gelangt. Allerdings programmieren wir uns, aufgrund der mittlerweile sehr komplexen Thematik, nicht immer einen Wolf. Wenn es gute und finanzierbare Lösungen bereits am Markt gibt, macht es keinen Sinn ein weiteres „Me-Too“-Tool nachzubauen; das ist nicht unser Ding. Dann integrieren wir lieber innovative Lösungen. So kann unser internes Tracking-System mittlerweile problemlos durch sehr spezialisierte Tools für automatisierte Targetwerbung oder zur intensiven Zielgruppenpersonalisierung erweitert werden.

Wenn die Print-Branche schrumpft, wieso sollte native:media dann zukunftsfähig sein?

Wir hatten uns die ersten Jahre konsequent an den Bedürfnissen der Verlage orientiert, aber unsere Portale sind mittlerweile für viele Branchen interessant. Das widerspricht sich auch nicht, denn in erster Linie galt die Entwicklung einem Online-Portal. Es ist ein eigenständiges Produkt. Unabhängig davon gibt es aber die Möglichkeit, es mit so gut wie jedem Unternehmenssystem zu verknüpfen. So laufen unsere Portale aktuell mit mehreren Verlagssystemen – aber eben beispielweise auch mit SAP.

Heute ist SAP ein Standard. Was aber, wenn sich das ändert?

In unseren Standardportalen verrichten über 200 Module kontinuierlich Ihre Dienste. Dabei haben wir die Architektur so ausgelegt, dass wir die Funktionen eines jeden einzelnen anpassen und auf sämtliche Inhalte und Codezeilen jederzeit zugreifen können. Flexibler geht es fast nicht. Das ist nur ein Beispiel, warum wir uns vor Veränderungen nicht fürchten, sondern uns darauf freuen. Man muss allerdings diese Flexibilität in modernen Systemen schon bei der Entwicklung als „systemimmanent“ ansehen – Matthias Fenner, unser Technischer Direktor, hat mich da mit den zu implementierenden Möglichkeiten immer wieder überrascht.

Also geht es in Richtung „Standardprodukt“?

Ja und Nein. Es stimmt, wir wollen ein Standard bei der Auslieferung und Verwaltung des Contents und beim Managen durch den Digital-Desk sein. Wir bieten dabei aber spezielle Lösungen für Tageszeitungen, Anzeigen- und Wochenblätter an, ebenso wie konkret für Fachverlage zugeschnittene Portale. Dies allerdings immer mit der Option, sich nicht um das „Hintenherum“ kümmern zu müssen. Theoretisch können unsere Kunden jährlich den Systemanbieter wechseln, für uns kein Problem.

Flexibilität ist das eine, aber wie sieht es mit Stabilität und Performance aus?

Installationen mit über 1,6 Millionen voll suchbaren und indizierten Artikeln im Hauptportal und mit 900 parallelen Usern auf ein und demselben Artikel geben ein ungefähres Bild von der Leistungsfähigkeit unserer Systeme ab. Um die saubere Architektur und die schlanke Programmierung zu verdeutlichen, haben wir auf der Ifra Expo sogar einmal unseren Server auf eine Art „Raspberry Pi“ gepackt. Das haben damals nur wir gewagt, und die Auslieferung der Inhalte lief zum Erstaunen der meisten Besucher extrem flüssig.

Wie sieht es mit dem Funktionsumfang aus, reicht nicht ein Standardportal?

Das höre ich – gerade bei kleineren Verlagen – immer mal wieder. Die Meinung was „Standard“ ist, erweitert sich dann minütlich bei konkreterem Nachfragen. Die Website ist eben nur das Front-End und die Funktionen dahinter werden umso wichtiger, desto mehr man sich mit Re-Finanzierung und konkreten Zielen wie Targeting oder Matching beschäftigt. Das sehen wir allerdings auch als unsere Aufgabe an, da etwas mehr die Fantasie anzuregen.